E-Book Christoph Schwarz 42: Zugfahrt in den Tod

E-Book Christoph Schwarz 42: Zugfahrt in den Tod
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Autor: G. Arentzen
E-Book
Artikel-Nr.: CS_Ebook_42

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Produktinformationen

Die Strecke beschrieb eine langgezogene Biegung, ehe ein gerades Teilstück folgte. Yilmas konnte die Schienen links von ihm sehen. Im Schein seiner Lampen wirkten sie braun und dumpf. Nicht so poliert wie jene, die er sonst sah und befuhr. Fremd, aber auch nicht anders als gewohnt.

Er warf einen Blick auf den Plan, schaute wieder aus der Frontscheibe – und schrie erschrocken auf. Vor ihm, keine hundert Meter entfernt, jagte ein Zug auf ihn zu. Die grellen Lichter blendeten ihn, das Kreischen der Bremsen hallte ohrenbetäubend laut durch den Tunnel.

Yilmas betätigte die Notbremse. Die Räder stoppten, doch die Bahn rutschte über die Schienen dem anderen Zug entgegen. Schon konnte er den panischen Blick des anderen Lokführers sehen, die seltsame Form der Bahn und auch die eigenwillige Farbgebung. Der Triebwagen ähnelte nichts, was er je gesehen hatte.

Beide Lokführer rissen ihre Arme in die Höhe. Funken stoben von den Rädern auf, während sie ineinander rutschten.

Yilmas hatte geglaubt, der Aufprall würde das Führerhaus zerquetschen und den Zug entgleisen lassen.

Aber dies war nicht der Fall. Die beiden Bahnen glitten ineinander. Bunte Wirbel entstanden, grüne und rote Lichter zuckten um Yilmas herum auf.

Was ist das? Er hatte das Gefühl, die andere Bahn würde mit seiner verschmelzen. Etwas durchdrang ihn, aber es war kein kompakter Körper, der ihn getötet hätte.

Plötzlich war der andere Zug weg. Noch immer bewegte sich die Bahn, doch nun befand sie sich in einem schwarzen Tunnel.

So zumindest sah es für Yilmas aus. Absolute Schwärze umfing ihn, die auch durch die Lampen des Triebwagens nicht durchdrungen werden konnte.

Erschrocken starrte er aus dem Fenster. Weder konnte er Schienen erkennen, noch Wände. Wo immer er sich befand – es war nicht mehr die Ausweichstrecke, die er befahren sollte.

Sekunden vergingen, in denen Yilmas nichts anderes tat, als durch die Scheibe zu starren. Um ihn herum war nichts. Nur Schwärze. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob die Räder noch auf den Schienen lagen.

Erst, als ein lautes Knirschen durch den Triebwagen hallte und sich das Metall ächzend verzog, wurde er aus seinem Bann gerissen. Hilflos musste er mit ansehen, wie um ihn herum ein Zersetzungsprozess begann, den er nicht erklären konnte.

Noch einmal schaute er hinaus in die Schwärze. Er hatte sich nie für Philosophie interessiert. Und doch verstand er, dass dies dort draußen das Nichts war. Das Nichts als Abwesenheit von allem anderen.

Ein hohes Jaulen erklang, als das Führerhaus vom Rest des Triebwagens riss. Für einen Wimpernschlag spürte Yilmas die unsägliche Kälte, die ihn umgab. Er glaubte, einen Schrei zu hören. Doch noch bevor er darüber nachdenken konnte, endete sein Leben. Er bemerkte nicht mehr, dass sich sein Körper auflöste. So wie sich die Bahn auflöste, samt aller Fahrgäste darin.

Das Nichts nichtet. Auch wenn Heidegger etwas anderes gemeint hatte, traf es hier doch zu.

 

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